Technik

TE_1935_0001_K800

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Sonderdruck aus der Zeitschrift
M
loTC
Nr. 231, Wien, 1. Dezember 1934
2
L J
PRÜFUNGSBERICHT
ZUNDAPP 800, MODELL 1934
Heute wollen wir bei unserer Maschinenbeschreibung einmal sehr anspruchsvoll sein und Bedingungen stellen. Bedingungen für eine ideale Beiwagenmaschine, die alle Wünsche erfüllt, ganz ohne Rücksicht auf den Preis. Eine solche ideale Beiwagenmaschine sollte folgende Bedingungen erfüllen:
Schnell in der Ebene.
Schnell in Steigungen.
Motor soll lautlos und erschütterungsfrei laufen.
Die Steigfähigkeit soll sehr groß sein.
Belastungsfähigkeit: 3 Personen -j- Gepäck.
Motor soll glatte Formen aufweisen, Maschine leicht zu putzen sein.
Keine Kette, leicht auswechselbare Räder.
Schönes elegantes Aussehen.
Lange Lebensdauer.
Geringer Benzinverbrauch und Oelverbrauch.
Wenig Reparaturen.
Maschine soll sehr elastisch sein.
Maschine soll sehr gut beschleunigen.
Wahrlich ein recht ausführlicher Wunschzettel! So was gibts gar nicht, wird mancher Fahrer sagen. Jawohl, so etwas gibt es: Die 800 ccm 4-Zylinder-SV- Kardanmaschine von Zündapp. Konstrukteur: Ingenieur Küchen.
Diese Maschine ist eine der Gipfelleistungen der deutschen Industrie, das muß ohne weiteres anerkannt werden. An Hand unserer früheren Wunschliste wollen wir der Reihe nach besprechen, wie die obigen Wünsche durch die Zündapp 800 erfüllt werden.
Jedermann kennt den berühmten Zweizylindermotor von BMW mit gegenläufigen Kolben, quer zur Fahrtrichtung gestellt. Denken wir uns diesen Motor verdoppelt, so haben wir die Anordnung der Zündapp.
„Schnell in der Ebene.“ — Es wurde nicht nur eine Maschine untersucht, sondern deren mehrere, so daß ich wohl einen guten Ueberblick darüber erhalten konnte, wie schnell die gelieferten serienmäßigen Maschinen tatsächlich sind. Leider ist es ü b 1 i ch, höhere Geschwindigkeiten anzugeben, wodurch der Berichterstatter in eine schwierige Lage kommt! Gibt er die Wahrheit an, so glaubt ihm niemand, da doch viel höhere Zahlen üblich sind. Gibt er aber höhere Ziffern an, etwa die Tachometeranzeigen, so ist das eben nicht mehr die Wahrheit. Aus dieser Situation helfen wir uns dadurch, daß wir, wie auch deutsche Fachzeitschriften, beide Angaben machen. Die t a t- s ä ch 1 i ch e Höchstgeschwindigkeit in der Ebene betrug bei einer der beiden gut in Stand gehaltenen Maschinen 92 St.-km mit Beiwagen, bei der anderen 94 St.-km. Ehrliche und wirkliche Kilometer! Dies würde nach üblichen Angaben einer Geschwindigkeit von 110 bis 115 St.-km entsprechen. Am Tachometer waren bei Straßenfahrt jedenfalls 100 St.-km leicht erzielbar. Halten wir also fest: „Ehrliche Höchst- geschwindigkeif 92 bis 94 St.-km.
Also eine sehr schnelle Tourenmaschine; denn, vergessen wir es nicht: Die 800er-Zündapp ist eine ausgesprochene Tourenmaschine! Für eine solche Maschine ist die Höchstgeschwindigkeit mehr als reichlich.
„Schnell in Steigungen.“ — Es ist nicht jedermanns Sache, Steigungen hinaufzuschleichen. Eine ideale Maschine soll jedenfalls Steigungen mit „Tempo“ nehmen. Einen Tourenwagen in der Steigung zu überholen, ist ein besonderes Vergnügen. Mit einem Gesamtgewicht von rund 400 kg (besetzt mit 2 Personen) erreicht die Maschine in einer Steigung von 26 o/o eine Geschwindigkeit von nicht weniger als 30 St.-km im ersten Gang! (Die Maschine hat natürlich 4 Gänge.) Eine große Zahl von Personenwagen üblicher Typen hat in dieser Steigung ein Tempo von
15 bis 24 St.-km! Hier ist also wohl die Beiwagenmaschine überlegen! Die Zündapp 800 ist also ohne weiteres auch als schnell in der Steigung zu bezeichnen.
„Lautlos und erschütterungsfrei.“ — Eine völlig lautlose Maschine wird es wohl kaum jemals geben. Aber die Zündapp kommt diesem Ideal recht nahe! Der Motor geht tatsächlich erstaunlich leise und fast völlig ‚ohne Erschütterungen. Die Anordnung der vier Zylinder ergibt den besten Massenausgleich, der bei einem Vierzylindermotor überhaupt möglich ist! Bei laufendem Motor die Hand auf den Tank legend, verspürt man keine merklichen Erschütterungen. Leise, ganz leise geht die Maschine. Keine Erschütterungen, kein Lärm, wie ein Äutomotor.
„Große Steigfähigkeit.“ — Wir wollen die Maschine auch einmal mit drei Personen und Gepäck fahren! Zieht sie das? Es wurde eine Steigfähigkeit von 38 o/o mit 475 kg Gesamtgewicht gemessen! Dies dürfte wohl auf alle Fälle ausreichen! Unsere Straßensteigungen sind etwa maximal 29 °/o. Somit ist genügend Steigfähigkeit vorhanden, um alle österreichischen Steigungen zu dritt leicht ohne Kühlpause zu nehmen. Besondere Betonung Ist zu legen auf „leicht“ und „ohne Kühlpause“. Die Steigfähigkeit ist die beste, die ich jemals an einer Beiwagenmaschine von nur 800 ccm und SV messen konnte. Eine Be- anständung in dieser Richtung ist undenkbar. Mit nur zwei Personen werden sehr viele beträchtliche Steigungen noch mit der Zweiten genommen werden können.
„Glatte Formen.“ — Wer seine Maschine selber putzen muß, ist nicht erfreut darüber, wenn alle Bestandteile getrennt im Rahmen eingebaut sind. Hier ein Getriebe, dort ein Motor, Oelleitungen die Menge, Benzinleifungen dazu, Oeltank und Batterie machen den Fingern das Leben sauer. Beim gründlichen Putzen bleiben immer einige Stücke der Haut irgendwo hängen. Eine glatte Motoranlage wie Zündapp dagegen zu putzen ist ein Vergnügen. Alles glatt, so weit wie möglich. Vergaser? Zündung? Alles unter der Verschalung. Und doch sehr gut zugänglich! Zwei einfach befestigte Aluminiumdeckel und alles ist zugänglich! Besser als viele Worte zeigt die Aufnahme die glatte und elegante Linienführung der Moforkonstruktion! Ein Gedicht geradezu der Tank und der Sfahlblech- rahmen. Fest, glatt, elegant!
„Keine Kette.“ — Viele Konstrukteure betrachten die Kette als ein notwendiges Hebel. Zündapp verwendet einen federnden Kardan, der die Weichheit der Kette und die Zuverlässigkeit und Reinlichkeit des Kardans vereint. Manche der früheren Kardanmaschinen waren schon von weitem am Heulen des Kardans zu erkennen. Der Kardan der Zündappmaschine arbeitet lautlos und sehr weich. Der beste bisher gebaute Kardanantrieb. — Alle drei Räder sind auswechselbar und leicht auszubauen. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit, wie beim Wagen ein Reserverad mitzuführen und das lästige Picken zu hause oder in einer Werkstatt durchzuführen.
„Schön und elegant.“ — Der Anblick der Zündapp ist ein ästhetischer Genuß. Verchromte Teile und schwarzer Lack sind geschickt zu einer formen- schönen Einheit mitverwendet. Die eleganteste Maschine, die ich kenne. Besonders mit hübschem Sporf- beiwagen.
„Lange Lebensdauer.“ — Der Vierzylindermotor ist ähnlich wie ein Wagenmofor konstruiert. Tadellose Oelumlaufschmierung. Alles staubdicht verkapselt, sowie reichlich dimensioniert. Einen Motor von ca. 20 PS Kurbelwellenleistung kann man nicht ständig Vollgas fahren, dies erlaubt schon die Straße nicht. Somit läuft die starke Maschine fast immer unterbelastet
und daher ergibt sich eine lange Lebensdauer. Besonders dann, wenn der Besitzer die Maschine gut behandelt. Reparaturen dürften wohl sehr wenige Vorkommen. Viele Automobile mit 1000 und mehr Kilogramm Eigengewicht haben Motoren, die effektiv nicht mehr als 20 PS leisten. Der 20-PS- Motor der Zündapp befördert aber nur 400 kg. Daraus erklärt sich die geringe Beanspruchung und die lange Lebensdauer dieser Maschine.
„Benzinverbrauch.“ — Ein Vierzylindermotor mit langen Saugleitungen scheint zunächst nicht auch gleichzeitig sehr sparsam sein zu können. Besonders wenn er, wie der vorliegende, seitlich gesteuerte Ventile und damit nicht den günstigstmöglichen Verbrennungsraum hat. Die untersuchten Maschinen hatten zunächst tatsächlich einen sehr hohen Verbrauch. Es ließ sich aber ohne weiteres zeigen, daß dies lediglich eine falsche Vergasereinstellung bewirkte. Nach Neueinstellung des Vergasers am Motorrad-Prüfstand ergab sich ein recht geringer Verbrauch. Es ist klar, daß der Verbrauch von der Fahrgeschwindigkeit sehr stark abhängt. Ein Fahrer verbrauchte bei genauer Kontrolle bei sehr scharfer Fahrt im Mittel 6,6 1 auf 100 km. (Nach der Regulierung.) Dies ist keineswegs viel. Beim Benzinverbrauch ergab die Zündapp einen bemerkenswerten Vorteil. Sie braucht im Stadtverkehr sehr wenig. Weniger als im Ueberlandverkehr! Bekanntlich ist dies bei allen anderen Maschinen gerade umgekehrt. Die Ursache dieser zunächst sonderbar erscheinenden Tatsache ist die hohe Elastizität der Maschine, die es erlaubt, in der Stadt fast alles mit dem vierten Gang zu fahren. Da aber die Fahrgeschwindigkeit gering ist, ist nun auch der Verbrauch gering. Dies geht am besten aus der Verbrauchskurve hervor, die uns den Verbrauch der Beiwagenmaschine in der Ebene, abhängig von der Fahrgeschwindigkeit, zeigt. Diese Werte sind (nach der Regulierung) :
30
St.-km
. … 4,9
Liter
auf
100
km
40
St.-km
. … 5,0
Liter
auf
100
km
50
St.-km
. … 5,7
Liter
auf
100
km
60
St.-km
. … 6,6
Liter
auf
100
km
70
St.-km
. … 7,9
Liter
auf
100
km
70
St.-km
kann man
aber
ständig
und
Unterbrechung nicht fahren, daher ist ein solcher Verbrauch auf der Straße kaum erzielbar. Zuverlässige Fahrer erreichten im Stadtverkehr 5,5 Liter! Der Oelverbrauch ist gering. Sehr gut bewährt sich auch hier kolloidaler Graphit. (Äufokollag oder Oil- dag.) Infolge der geringen Motorbelastung und der reichlichen Dimensionierung aller Teile sind die zu erwartenden Reparaturen sehr gering. Allein der Wegfall der Erneuerung einer Kette bringt eine merkliche Ersparung.
„Elastisch.“ — Schon die Tatsache der vier Zylinder läßt eine hohe Elastizität der Maschine erwarten. Diese Elastizität ist aber durch eine besonders durchgebildete Kraftübertragung noch weiter gesteigert worden. Ein neuartiges Kettengetriebe mit in Oel laufenden Spezialketten in Verbindung mit einem federnden Kardan geben einen unvergleichlich weichen Antrieb. Was sagen Sie dazu, daß es möglich war, mit einer der Maschinen mit Beiwagen ohne Rucken ein Tempo von nur 12 St.-km mit dem direkten Gang zu fahren! Alle anderen Maschinen gingen leicht mit der Vierten bis 18 St.-km herunter. Da ist wohl ein Schalten nur sehr selten notwendig! Die außerordentliche Elastizität der Maschine macht das Fahren mit ihr zu einem besonderen Vergnügen. Nun könnte man wohl zu der Anschauung kommen, daß ein so weicher Motor nicht genügend gut beschleunige und daß das Anzugsvermögen der Maschine gering sei. Keines-
wegs! Schon allein die hohe Leistung des Motors bedingt ein gutes Beschleunigungsvermögen. Rechnen wir, um das klar zu demonstrieren, einmal das Leistungsgewicht aus. Das ist jenes Gewicht, das auf 1 PS Motorleistung entfällt. Bei einem Gesamtgewicht der besetzten Maschine von 400 kg und einer Spitzenleistung von 20 PS kommt auf 1 PS gerade -ein Gewicht von 20 kg. Rechnen wir nach gleicher Formel das Leistungsgewicht eines bekannten Wagens von 1500 ccm Inhalt, so erhalten wir etwa 37 kg pro PS. Einem Wagen mittlerer Stärke ist die Zündapp somit wesentlich überlegen. Sowohl was Beschleunigungsvermögen, als auch Geschwindigkeit in der Steigung betrifft. Denn in diesen beiden Fällen ist unbedingt das kleinere Leistungsgewicht günstiger.
Das Änzugsvermögen, wenn wir darunter die Fähigkeit der Maschine verstehen, bei raschem Gasgeben sofort und energisch wegzuziehen, ist außerordentlich gut. Eine Beschleunigungspumpe im Vergaser trägt dazu wesentlich bei. Ein geschickter Fahrer verwendet diese Beschleunigungspumpe auch als Starthilfe bei kaltem Motor. Zwei- oder dreimaliges rasches Oeffnen des Drehgriffes genügt, dem Vergaser genügend Brennstoff zum Starten zuzuführen. Als Brennstoff empfiehlt sich Benzolgemisch. Damit geht die Maschine besonders weich. Es läßt sich auch gewöhnliches Benzin verwenden, wenn man das Kompressionsverhältnis etwas herabsetzf, was durch stärkere Zylinderkopfdichtungen sehr leicht möglich ist. Besonders zu loben ist die leichte Demontage der Zylinderköpfe. Mit einem Spezialschlüssel ist der Zylinderkopf in wenigen Minuten herunten. Das Ent- rußen der Maschine geht rasch und kann vom ungeübtesten Fahrer durchgeführt werden. Es ist bei einiger Hebung möglich, die Maschine in einer halben Stunde zu entrußen! Dies bedeutet natürlich auch eine Ersparnis von Geld für denjenigen, der solche Arbeiten nicht selbst durchzuführen gewohnt war.
Die Gabel ist, wie der Rahmen, aus Blech, sehr starkem Blech übrigens, gepreßt. Völlig neu im Motorradbau ist es, daß serienmäßig ein hydraulischer Stoßdämpfer mitgeliefert wird, der die Wirksamkeit der üblichen Reibungsstoßdämpfer bei weitem über- trifft. Diese Beiwagenmaschine ist wohl so manchem Wagen vorzuziehen. Vor jedem Kleinwagen hat sie
aber das bessere Beschleunigungsvermögen und die bessere Steigfähigkeit voraus. Aus dem geringen Leistungsgewicht ergibt sich eine wesentlich längere Lebensdauer des Motors und geringere Reparaturkosfen, als beim Kleinwagen. Abgaben und Steuern sind wesentlich geringer als beim Kleinwagen, ebenso Brennstoffverbrauch und Gummiverbrauch. Vielverbrei- tet ist die Anschauung, daß bei der Anschaffung eines Kraftfahrzeuges nur der Preis eine große Rolle spielt. Dies ist aber nicht der einzige Gesichtspunkt, der hiebei zu beachten ist. Eine wesentlich größere Bedeutung haben die Kosten der Erhaltung und des Betriebes. Man wird nicht fehlgehen, wenn man diese Kosten bei üblichen Wegstrecken beim Kleinwagen fast doppelt so hoch einsetzt, als bei der schweren Beiwagenmaschine. Daran aber könnte nur eine wesentliche Herabsetzung der Versicherungskosten und Steuern für den Kleinwagen etwas ändern. Die geringeren laufenden Kosten für die Beiwagenmaschine dürften gegenüber dem besseren Wetterschutz beim Kleinwagen doch sehr wesentlich ins Gewicht fallen.
Wollen wir noch kurz einige Streiflichter auf die technischen Eigenschaften der Maschine werfen, so genügen dazu einige Zahlen:
Kurbelwellenleistung: 20 PS
Leistung am Reifenumfang: 17 PS
Höchstgeschw. Beiwagen: 94 St.-km
Höchstgeschw. Solo ca. 125 St.-km
Maximale Steigfähigkeit (ausgekühlt) mit 2 Personen und daher insgesamt 400 kg: 45 °/o, mit 3 Personen und daher insgesamt 475 kg: 38 o/o.
Alle österreichischen Steigungen ohne Kühlpause zu dritt.
Benzinverbrauch, langsame Fahrt: 5,5 bis 6,5
Liter für 100 km, schnelle Fahrt: 6,5 bis 7 Liter für 100 km (alles mit Beiwagen).
Ein zusammenfassendes Urteil über diese Maschine möchten Sie hören? Hier ist es:
Schnell, elegant, elastisch, dauerhaft, sparsam, kurz und gut: Eine ideale Beiwagenmaschine! E. Schida.

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